Werbetexten

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DAS WETTER IST SCHÖN, DAS ESSEN IST GUT

Viele Werbetexte sind in etwa so interessant zu lesen, wie die Postkarte von Onkel Otto und Tante Gitti, die in Caorle offensichtlich schönes Wetter in Verbindung mit gutem Essen genießen. Das ist schade.

Schade um die Zeit, die in das Verfassen der Zeilen investiert wird. Schade um das Geld, welches aufgewendet werden muss, damit die Botschaft beim Empfänger ankommt. Und auch schade für den Empfänger, der wiederum seine wertvolle Zeit mit dem Lesen des banalen Textes verschwendet.

Werbung made in Caorle.

Onkel Otto und Tante Gitti schreiben seit Ewigkeiten Postkarten aus dem sommerlichen Caorle – unter anderem an ihren Neffen Kevin und dessen Frau Jacqueline. Die beiden Millenials arbeiten gemeinsam in der Marketing-Abteilung eines größeren Unternehmens und finden coole Sachen einfach cool. Vor allem privat. Beruflich eher nicht so. Gerade wenn’s um Werbetexte geht, müssen die beiden oft an ihren strengen Chef und danach gleich an Onkel Ottos und Tante Gittis Postkarten denken. Die sind immer gleich und überfordern geistig wirklich niemanden. Aus diesem Grund suchen Kevin und Jacqueline auch eine Person, die Werbetexte genau so verfasst, wie sie sich das vorstellen: nämlich lieber nicht zu anspruchsvoll. Jemanden wie den Werbetexter Tobias.

Buchtipp:„Die Mörderfackel“ und „Die Sahneschnitte“.

Bereits nach einer kurzen Eingewöhnungsphase, in der sich Tobias textlich offenbar selbst verwirklichen wollte, liefert jener exakt das, was sich Kevin und Jacqueline wünschen. Leider ist Tobias auf Dauer viel zu teuer – immerhin sind die Texte aus der Marketing-Abteilung ja praktisch fertig! Okay, manchmal gibt’s verspätet Inputs aus der Vertriebsabteilung. Aber das ist auch sinnvoll, schließlich sind die Leute dort noch viel näher dran am Kunden und am Produkt. Außerdem: Text ist sowieso überbewertet. Den liest ohnehin kein Mensch. Warum eigentlich? Das können sich selbst Kevin, Jacqueline und die Menschen im Vertrieb nicht so recht erklären. Es liegt vermutlich an Tobias.

Verschwende deine Jugend!

Warum wir Tag für Tag mit trivialem Werbe-Blabla konfrontiert werden, hat mehrere Gründe: Zum einen, wie bereits angesprochen, das mangelnde Interesse für (guten) Text respektive dessen geringe Wertschätzung vonseiten vieler AuftraggeberInnen. Zum anderen bedeuten die immer knapperen Etats Einsparungen in den Agenturen. Und so kommt es, dass anstelle von Senior TexterInnen lieber Junior TexterInnen zu einem Brutto-Gehalt von 1.700 Euro eingestellt werden. All-inclusive, versteht sich. Es gibt also keine bezahlten Überstunden, dafür aber auch keinen Zeitausgleich. Jene müssen dann alles machen und haben für nichts genug Zeit. Insbesondere nicht genug Zeit, um etwas zu dazuzulernen oder sich mit einem Projekt länger auseinandersetzen zu können. An dieser Stelle seien die beiden Redensarten „Gut Ding braucht Weile“ sowie „If you pay peanuts, you get monkeys“ erwähnt. Dementsprechend ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich kaum noch junge Menschen finden, die den Beruf der Werbetexterin bzw. des Werbetexters ergreifen wollen. Viel Verantwortung für wenig Geld und wenig Freizeit – fast so prickelnd wie der Anzeigen-Text, den Sie demnächst lesen werden. Genauer gesagt: nicht lesen werden.

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Studieren Sie Anzeigen-, Webseiten- und Folder-Texte? Hören Sie sich Radiospots bewusst an? Finden Sie eine aktuelle Werbung besonders gut oder außergewöhnlich schlecht? Warum? Wir freuen uns auf Ihren Beitrag!

Ein großes Danke für diesen sensationellen und honorierten Beitrag vom geschätzten Werbetexter Thomas Troppmann.

In Kategorie: Business, Intern

Über die Autoren

Sandra und Yvonne sind die Inhaberinnen von DIE MARILLA, Wiens grüner Werbeagentur. Sie bloggen hier über Nachhaltigkeit im Privat- und Berufsleben. Und informieren über DIE MARILLA-Neuigkeiten.

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